Frédéric Chopin nimmt auf dem Gebiet der Klaviermusik eine besondere Stellung ein. Er entnahm Gattungen ihrem tradierten Umfeld und entwickelte sie als autonome Formen weiter. Das Scherzo, das ein Teil der Sonatenanlage war, wurde eigenständig, die Etüde wertete Chopin von der bloßen Fingerübung zur Kunstform auf. Gleiches unternahm er mit dem Prélude. Dieses war vor Chopin, wie der Name schon sagt, einem anderen Stück zugeordnet und konnte nicht für sich stehen. Es diente vor allem dazu, eine Tonart festzulegen. Die wohl berühmtesten ‘Vorspiele’ entstammen dem ‘Wohltemperierten Klavier’ von Johann Sebastian Bach. Aber auch hier sind sie eindeutig den nachfolgenden Fugen beigeordnet. Dass sie im Laufe der Zeit teilweise bekannter wurden als die Fugen, entspricht insofern nicht der ursprünglichen Intention Bachs. Mit Bach bzw. mit dem ‘Wohltemperierten Klavier’ ist jedoch ein wichtiger Punkt für die Préludes op. 28 von Chopin angesprochen. Ähnlich wie Bach ordnet er die einzelnen Stücke nach den 24 Tonarten an, ließ jedoch auf eine Durtonart die parallele Molltonart folgen.
Chopin gestaltete seine Préludes in op. 28 sehr differenziert. Er wechselte stets zwischen schnellen und langsamen Tempi und lässt oft auf ein eher akkordisch gestaltetes Stück eines mit vielen Läufen folgen. Eines haben jedoch alle Préludes mehr oder weniger gemein: Immer kann man eine Melodie oder zumindest eine melodische Linie heraushören.
Hier setzt nun der entscheidende Kritikpunkt bei der Aufnahme des Pianisten Stefan Vladar an. Ist in einem Stück deutlich eine Melodie ersichtlich, lässt er sie auch hören. Doch in den Préludes, die mit schnellen Läufen gestaltet sind, hört man nur ein undifferenziertes Rauschen. Erst mit den Noten in der Hand kann man dann die melodischen Linien erkennen. Würden diese Stücke von der besonderen bzw. überraschenden Harmonik leben, wie sie bei Chopin zweifellos zu finden ist, wäre dies nicht so tragisch. Aber mit einer kaum hörbaren Melodie steht man vor diesen Werken und weiß nichts damit anzufangen. Vladars Interpretation ist insofern teilweise wie ein verschwommener Nebel aus dem vereinzelt Sterne hervorblitzen.
Warum nicht immer so?
Nun würde man dieser CD nicht gerecht, würde man nur die schlechten Seiten hervorheben. Vladar spielt, wo es wichtig ist, sehr einfühlsam und gefühlvoll. Er erzeugt damit Stimmungen, die weit über ein bloßes Abspulen von Noten hinausgehen. Er gestaltet oftmals auch im Kleinen, nimmt das Tempo für einen Takt zurück, wechselt differenziert die Dynamik. Dies macht die Interpretation lebendig und meistenteils spannend. Trotz seiner Virtuosität stellt er nicht sich, sondern die Musik in den Vordergrund, leider mit den oben genannten Einschränkungen.
Wer aber das Können von Stefan Vladar wirklich hören will, der muss sich die auf der CD den Préludes vorangestellten Ballades (op. 23, 38, 47, 52) vornehmen. Diese orientieren sich zwar an literarischen Vorlagen, setzen diese jedoch nicht quasi erzählend in Musik um, sondern bleiben eher assoziativ. In ihnen wechselt Chopin immer wieder verschiedene und gegensätzliche Stimmungen ab. Vladar hebt jede dieser Stimmungen hervor und verbindet sie miteinander. Es gelingt ihm, das spezifische an der Musik von Chopin herauszuarbeiten und hörbar zu machen. Es genügt schließlich bei diesem Komponist nicht, technisch perfekt zu sein, wenn man nicht auch gestalten kann. Und dass kann Stefan Vladar, wenngleich ihm dies in den Préludes nicht immer gelingt.
Sich diese CD wegen den Préludes anzuschaffen, ist daher sicher nicht zu empfehlen, wobei davon auch nicht grundlegend abgeraten werden kann. Aber der Vorteil dieser CD liegt zweifellos bei den Ballades. Allein hierfür lohnt es sich, die Aufnahme zu hören, danach kann man ja immer wieder springen. |